Nachtwächter
(Wie sich von selbst versteht, würde hier, wo es auf eine so naturgetreue Darstellung gar nicht ankommt, das frühere Kostüm der Nachtwächter, also Mantel, Mütze und Spieß, zu wählen sein, statt des Nachtwächterhorns aber ein mit Silberpapier überzogenes Füllhorn, in welchem sich die betreffenden Geschenke befinden.)
Ick rief mir zu: "Stell heut das Pfeifen in,
Du mußt ja nach det schöne Feste hin,
Wo sich der Sonne sanfter Silberglanz
Hernieder läßt auf einen Myrtenkranz.
So sei mir denn jejrüßt, jeliebtes Paar,
Das ick bewacht schon fünf und zwanzig Jahr.
(Er lauscht, als habe ihn Jemand gerufen.)
Wer ruft? - Wat? Nummer 9? Ick komme schon?
(Er läßt die Schlüssel rasseln und tut, als wolle er gehen.)
Det is jewiß der flotte Musensohn.
(Er besinnt sich und kehrt wieder um.)
Der kann ja warten, der versäumt ja nischt
Alleene aber, wenn man ihn erwischt - ?
Wat wäre weiter ooch - ick weeß jenau,
Den ängstigt nischt - er hat ja keene Frau!
(Er wendet sich wieder zum Silberpaar.)
Nun sei willkommen mir, jeliebtes Paar,
Das ick bewacht schon fünf und zwanzig Jahr -
(Er lauscht wieder.)
Ick komme jleich! Det is der Herr Rentier,
War bei Jeheimrats wieder mal zum Tee -
(Er läßt wieder die Schlüssel rasseln, geht, kehrt aber sogleich wieder um.)
Ach wat - der kann ja warten, wenn's beliebt,
'S is eener, der nie mehr wie'n Sechser jiebt -
Und kommt noch oft mit een kleen Spitzchen an -
Erst spät nach Mitternacht, der fromme Mann!
(Er wendet sich wieder zum Silberpaar.)
Nun sei willkommen mir, jeliebtes Paar,
Das ick bewacht schon fünf und zwanzig Jahr!
(Er lauscht wieder.)
Schon wieder Wächter! Nu laß ick mir Zeit,
Bis ick dem Paare meinen Wunsch geweiht.
(Zum Silberpaar.)
Nu seh' mal wie verwirrt ick bin,
Und hatte doch so ville erst im Sinn!
Und nu - nu fällt mir reene jar nischt ein -
Ach wat! Wat kann da weiter sein!
(Er überreicht das Füllhorn.)
Nehmt dieses Horn, ick brauch et ja nich mehr,
Euch aber kommts vielleicht zu Statten sehr.
Wenn Euch dereinst der joldne Kranz noch lacht,
Denkt an den Wächter, der's Euch dargebracht.
(Zur Silberbraut.)
Ick bin schon alt, ich werde Dir nich sehn,
Wird jener Kranz Dein teures Haupt umwehn.
(Zu Beiden.)
Indessen tröst ick mit der Hoffnung mir,
Einst aufzuschließen noch des Himmels Tür.
Dort oben braucht Ihr "Wächter" blos zu schrein,
Und Hinze stellt sich uf die Stelle ein,
Und wie ich Euch in dieses Haus oft ließ,
So laß ick Euch dann in das Paradies!

Scherzhafter Toast
(Vom Silber-Bräutigam auszubringen.)
Liebwerte Freunde!
Sie haben meiner lieben Frau und mir so viel Schmeicheleien über unsere Ehe gesagt, daß wir eigentlich gar nicht wissen, womit wir uns verdient gemacht haben. Um den wahren Wert unserer Ehe kennen zu lernen, haben wir dieselbe heute von Hymen versilbern lassen und wurde uns versichert, daß wir noch einmal fünf und zwanzig Jahre mit diesem Silber auskommen würden, wenn wir nur ferner wie bisher mit einander auszukommen verständen. Wir haben behufs dessen heute einen abermaligen fünfundzwanzigjährigen Vertrag abgeschlossen und wollten wir Sie nur bitten, die Garantie dafür zu übernehmen, wozu Sie ja nichts weiter bedürfen, als fernere Freundschaft und - recht langes Leben! Darauf hin lassen Sie uns mit einander anstoßen und mich ausrufen: Meine hochverehrten Gäste sollen leben! Hoch!
Die Klausnerin
(Kleidung: langes, in einfache Falten gelegtes Kleid, das durch einen himmelblauen seidenen Gürtel zusammengehalten wird; im Haar einen schwarzen Schleier. Sie schreitet gesenkten Hauptes ruhig bis zur Mitte des Zimmers vor; dann spricht sie mit Resignation.)
Warum, du schwarzer Fürst der Schatten,
Nahmst du mit deiner eis'gen Hand
Den Mann, der mir bestimmt zum Gatten,
Als er mit mir vor'm Altar stand?
Kann denn dein hartes Herz ermessen,
Wie er so glücklich mich gemacht? -
Nein, nein! Du lerntest Staub nur essen!
Hast nie geweint! - Hast nie gelacht!
(Sie überreicht der Silberbraut einen silbernen Myrtenkranz, und entzückt fährt sie fort.)
O, hättest du in diesem Glanze,
Mein Wilhelm, (oder ein anderer Name) mich doch auch geschaut! -
Es saugt mein Geist aus Deinem Kranze
Versöhnung, holde Silberbraut!
Mir tönen jetzt besel'gend wieder
Durch meines Lebens Wüstenei
Des heitern Frühlings heitre Lieder,
Und lieblich duftet mir der Mai!
Wie fließt mir für des Herzens Wunden
Aus Eurem Blick ein Balsamquell -
Mich grüßen heil'ger Liebe Stunden:
Und Grames Nacht wird sonnenhell!
(Sie legt den Schleier ab.)
Was willst du, tiefer Trauer Zeichen,
Was willst du noch in meinem Haar?
Ich habe dich - nun mög'st du weichen! -
Getragen fünfundzwanzig Jahr.
(Begeistert zum Silberpaare.)
O räumet mir in Eurem Hause
Ein kleines Plätzchen freundlich ein -
Gern flieh' ich nun die stille Klause,
Mit Euch von Herzen froh zu sein!
Denn furchtbar ist's, allein zu leben!
Lebendig liegt man oft im Grab! -
Seht, was ich habe, will ich geben,
Gebt Ihr von Eurem Glück mir ab!
Schon glänzt im Osten mir die Sonne,
Die Euch im Friedenshain entzückt -
(Zur Silberbraut.)
Wie fühle ich in meiner Wonne,
Daß einst der goldne Kranz Dich schmückt!

Bei Überreichung eines Silberkranzes
Liebe heißt die Freudenquelle,
Die uns froh und selig macht.
Liebe dringt selbst klar und helle
Durch des Leidens finstre Nacht.
Liebe winkt auf allen Wegen,
Die durch dieses Leben gehn,
Liebe reicht den Kranz entgegen,
Wenn am Scheideweg wir stehn.
Liebe wohnt nicht auf den Zungen,
Tönt von unsern Lippen nicht;
Was im Herzen leis' erklungen,
Deutlich nur das Auge spricht.
Liebe stammt aus Himmelslanden,
Gibt von ihrem Glücke kund,
Liebe knüpft die zarten Banden,
Schließt der Herzen treuen Bund.
Liebe hat Euch eng verbunden,
Hat auch Euren Bund geweiht;
Drum, so wie Ihr einst empfunden,
So empfindet Ihr noch heut'.
Ist auch manche Lust verklungen,
Mancher frohe Augenblick,
Kehrt doch durch Erinnerungen
Jene Zeit zu Euch zurück.
Zwar die Blumen sind verblichen,
Und die Myrte grünt nicht mehr,
Doch die lieb' ist nicht entwichen
Blieb, wie damals, rein und hehr.
Eintracht, Liebe und Vertrauen,
Die vom Himmel Euch beschert,
Helfen Euch ein Glück erbauen,
Das nicht ird'sche Macht zerstört.
Ruhig schwanden Eure Tage
In dem Schoß der Häuslichkeit;
Denn die Liebe kennt nicht Klage,
Hält stets süßen Trost bereit.
Wieder schmückt im milden Glanze
Euch der Myrte zartes Reis,
Doch nicht grün, wie einst im Kranze,
Unverwelklich, silberweiß.
Unverwelklich, wie im Kranze,
Wird stets Eure Liebe sein;
Schöner noch im gold'nen Glanze
Froh beglückend, treu und rein. -